ich will eine welt ohne kriege

seit ein paar tagen lese ich das buch “ich will eine welt ohne kriege” von arno gruen. seinen worten ist im grunde absolut nichts mehr hinzuzufügen. in brillanter prägnanz und erschreckender kürze offenbart er, worunter diese welt so sehr leidet, warum wir inmitten dieses wahnsinns leben und vor allem, was wir als einzelne tun können, um uns dem nicht aufgebend zu unterwerfen und in selbstmordgleicher hilflosigkeit zu mittätern machen zu lassen.

und doch will ich darüber schreiben aus der sicht eines kindes, welche dem großteil der menschheit jedoch in völlige vergessenheit geraten ist, jedoch nichtsdestotrotz permanent in jedem einzelnen nach gehör sucht:

“liebe erwachsene,
ich bin noch nicht sehr alt und habe daher in euren augen auch noch nichts zu sagen. aber ich muss heute zu euch sprechen, da ich große angst habe und mich sehr alleingelassen fühle von euch.

ihr habt mich hier in diese welt geboren. ich entriss mich freiwillig der wohlbehüteten und verbundenen atmosphäre im leib meiner mutter, weil da neugier in mir war. die neugier auf eine welt, die meine mutter für so lebenswert erachtete, dass sie mich in sie gebar.

bis heute habe ich noch nicht herausfinden können, was meine mutter dazu bewogen hat, mich dieser welt auszusetzen, denn einen lebenswert hat sie mir bisher noch nicht vermittelt. sie – und alle anderen erwachsenen – führen in meinen kinderaugen wirklich kein leben, welches für mich erstrebenswert wäre.

ihr bewertet euch an dingen, die gar keinen wert haben, wie macht und geld, besitz und kontrolle. ihr trennt euch alle voneinander ab durch vordefinierte institutionen, wie religionen und volkszugehörigkeiten. ihr heißt gut, was ihr kennt und lehnt ab, was euch fremd ist, wie z.b. andere kulturen und andere weltanschauungen. ihr seht euch als allwissend, dabei wisst ihr schon längst nicht mehr, wie sich ein kuscheltier auf eurer haut anfühlt.

ihr sagt alle, dass krieg nicht richtig ist. warum aber gibt es trotzdem täglich neue kriege – nicht nur in der ferne, sondern direkt vor meinen augen? ihr streitet euch, oftmals über so belanglose dinge. ihr schreit euch an, obwohl ihr meint, euch zu lieben. ihr erschwert euch das leben gegenseitig aus eurem neid, eurer habgier, eurer eifersucht und eurem geltungsdrang heraus. ihr sprecht von nächstenliebe, doch reicht diese nicht einmal bis zu eurem nachbarn geschweige denn bis zur tier- und pflanzenwelt. ihr wisst alle von den millionen verhungernden menschen, füllt aber eure bäuche, bis ihr zu platzen droht. ihr wisst alle von der umweltzerstörung, treibt sie aber immer weiter voran, als wenn es kein morgen gäbe.

ABER … für mich gibt es ein morgen! und deswegen habe ich angst. ja, ich habe angst vor euch. in all eurem tun hinterlasst ihr mir eine welt, die sich immer weniger als lebenswert erweist. ich werde inmitten all der katastrophalen folgen leben müssen, die ihr in eurem egoistischen und eigennützigen tun verursacht habt. dabei hat es euch noch nicht einmal inneren frieden geschenkt. denn euer ganzes leben verbringt ihr damit, euch entweder zu unterwerfen oder über andere macht auszuüben. anstatt das leben zu genießen, macht ihr es euch gegenseitig zur hölle – im großen wie im kleinen.

deswegen muss ich euch wissen lassen: ich will nicht so werden wie ihr! aber ich liebe und vergebe euch, da ihr nicht wisst, was ihr tut. ich reiche euch meine hand. und wer von euch noch nicht vergessen hat, worin die faszination eines brummkreisels steckt oder warum schneemannbauen das größte ist, den bitte ich mir zu erklären, warum er seinen brummkreisel gegen ein volles bankkonto und das schneemannbauen gegen das alltägliche arbeitsleben eingetauscht hat!

er kann mir sicher dann auch erklären, warum er als “erwachsener” mehr zu sagen hat als ich und was ich denn von ihm grundlegendes lernen kann, was wichtiger sein soll als das, was ich schon mit auf diese welt gebracht habe: mein mitgefühl für alles lebendige!

auszüge aus den ersten seiten des buches “ich will eine welt ohne kriege” von arno gruen:

wünscht sich ein kind eine welt ohne kriege, wird es von erwachsenen als naiv abgetan, genauso wie der jugendliche, der für frieden demonstriert. aber was ist naiv an solchen wünschen? was ist lächerlich daran, sich eine welt ohne gewalt vorzustellen? warum wird ein von liebe bestimmtes menschliches zusammenleben verächtlich als naiver traum abgetan?
es gilt als erwachsen und realistisch, sich mit kriegen abzufinden. “erwachsene” halten gewalt für ein naturgesetz. der mensch sei nun mal böse, heißt es. sogenannte realisten haben viele solcher weisheiten auf lager: “was im leben zählt, ist der erfolg”, “einer muss immer das sagen haben”, “wenn man etwas haben will, muss man es sich erkämpfen”, “die welt ist schlecht”: sätze wie in stein gemeiselt, die vermeintliche wahrheiten verkünden und doch nichts anderes sind als behauptungen von menschen, die nicht mehr bereit sind, an die möglichkeit einer anderen und besseren welt zu glauben.

“hört auf zu träumen” ist eines der typischen diktate, die erwachsene zwischen sich und jugendliche stellen. träumen macht vielen erwachsenen angst, denn träumen bedeutet freiheit von den einschränkungen des alltags, von einer ordnung, die dem denken grenzen setzt, aber auch schutz vor zweifeln und unsicherheiten bietet. viele erwachsene haben sich in ein bollwerk aus pseudo-wahrheiten eingemauert. eine solche festung gibt ihnen das gefühl, sicher vor überraschungen zu sein und das leben unter kontrolle zu haben.

kriege und deren ursachen werden gewöhnlich unter politischen, ökonomischen und ideologischen gesichtspunkten betrachtet. krieg ist aber vor allem ein menschliches problem. es sind ja immer menschen, die kriege führen und andere töten. es sind menschen, die das töten veranlassen, und es sind menschen, die zulassen, dass getötet wird.

menschen untersützen leidenschaftlich eine politik, die sich unter dem deckmantel der demokratisierung ganzer völker bemächtigt. krieg als spektakuläre demonstration nationaler stärke und unverwundbarkeit überdeckt ihre minderwertigkeitsgefühle und verleiht ihnen eine imaginäre kraft, die sie aus sich heraus nicht haben.

wir sind verführbar durch unsere faszination für größe, die sich ja auch in dem streben nach macht, erfolg, genialität, außergewöhnlichkeit oder perfekter schönheit ausdrückt. solange wir uns durch glanz und glamour täuschen und durch den anschein von größe und “männlicher” stärke von unseren eigenen gefühlen und wahrnehmungen abbringen lassen, sind wir manipulierbar. was die welt vor gewalt und terror bewahren kann, sind nicht moralische appelle und politische bekenntnisse. nur durch das mitfühlen mit anderen, mit ihrem schmerz, den sie durch demütigung, erniedrigung und gewalt erleben, lassen sich diktatoren und kriege verhindern. dieses mitgefühl können wir aber nur aufbringen, wenn wir auch einen zugang zu unserem eigenen schmerz finden.

wahre träume sind träume, die aus unserem inneren kommen. sie speisen sich aus einer emotionalen welt, die den kern unserer menschlichkeit bildet und die geprägt wurde durch früheste erfahrungen zu beginn unseres lebens, als wir noch nicht geboren und eins mit unserer mutter waren. diese verbindung war eine absolute, es war ein zustand der übereinstimmung. in diesem einssein mit der mutter gab es im allgemeinen keine beschwernisse, es gab noch keine angst vor dem alleinsein oder der trennung. im prinzip sehnen wir uns unser ganzes leben lang nach einem solchen zustand zurück, nach diesem gleichklang, den wir einmal erlebt und danach verloren haben. der traum von der großen romantischen liebe ist oft ausdruck dieser suche nach einer verschmelzung, aber auch nach einer tiefen verbundenheit mit der menschheit. hier wurzelt auch die sehnsucht nach einer liebevollen konfliktfreien welt.

es liegt letztlich an jedem einzelnen von uns. in unserem unmittelbaren umfeld entscheiden wir selbst darüber, ob wir im krieg oder im frieden mit unseren mitgeschöpfen leben wollen – und auch, ob wir im krieg oder im frieden mit uns selbst leben wollen (mal ehrlich: wir tun doch so vieles tagtäglich, was wir eigentlich gar nicht tun wollen, wir uns dem aber ergebend unterwerfen und es zwanghaft und somit unter seelischen schmerzen – die wir verdrängen – akzeptieren, weil “alle” es so tun).

wäre jeder mensch frei von seinen eigenen inneren angesammelten schmerzlichen erfahrungen und prägungen, könnte er in seiner ihm von natur aus gegebenen selbstlosigkeit (ego-losigkeit) leben und es gäbe niemanden mehr, der zu gewalt oder kriegen bereit wäre.

© maya satnam


Erich Fromm über den angepassten Menschen

~ von mayasatnam am Oktober 19, 2009.

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